Logo

Ballett „Lydia“ feiert Premiere – Romangeschichte einer skandalträchtigen Magdeburgerin kommt auf die Tanzbühne

Interview
  • Erstellt: 10.02.2023 / 08:05 Uhr von cl
Morgen feiert das Ballett „Lydia“ am Magdeburger Theater Premiere. Damit schafft es der Romanstoff der extravaganten und skandalträchtigen Autorin Louise Aston auf die Bühne. Aston lebte von 1835 bis 1844 mit Unterbrechungen in der Landeshauptstadt und kämpfte für die Emanzipation der Frau. Daneben sorgte sie mit ihrem extravaganten Lebensstil für Skandale. Auch die Titelfigur „Lydia“ spiegelt das Leben der Autorin – wir haben mit dem Choreografen Phillipe Kratz über das Tanzstück gesprochen.

Meetingpoint: Worum geht es in Deiner Uraufführung?
Philippe Kratz, Choreograf: Es ist ein abstraktes Tanzstück, das sich mit Themen aus dem 1848 in Magdeburg erschienen Roman LYDIA von Louise Aston beschäftigt. Es geht um Machtstrukturen, unser Sicherheitsbedürfnis, um Schein und Sein, Kollektiv und Individuum. Der Roman erzählt eine Intrigengeschichte in der Mitte des 19. Jahrhunderts, in der eine feministische Weltsicht vertreten wird. Louise Aston ist eine lokale Heldin, würde ich sagen, eine Avantgarde-68erin, die zur falschen - oder eben genau zur richtigen - Zeit geboren wurde. Mit dem Mann-Frau-Gleichgewicht werden wir uns allerdings nicht beschäftigen, das wollten die Dramaturgin des Stückes Sarah Ströbele und ich beide nicht.

Das Thema hätte den 36-minütigen Rahmen gesprengt. Aber es geht darum, wie der öffentlicher Raum, in diesem Fall das Bühnenbild, uns einschränken kann, wie wir dann die Regeln des Raumes erlernen und uns dadurch neuen Freiraum schaffen können, uns die Regeln also zu eigen machen können.
Meetingpoint: Was gefällt Dir an der Geschichte von Lydia besonders gut?
Philippe Kratz, Choreograf: Es ist vielleicht gar nicht so die Geschichte, die mich so inspiriert hat, sondern vor allem die Gedanken und das Handeln Louise Astons, die in diesem Roman hervortreten. Sie war eine Vordenkerin, eine Revolutionärin, Hardlinerin unter den Feministinnen und deswegen bei genau jenen damals weitestgehend verpönt.

Sie rauchte öffentlich Zigarre, trug Männerkleidung wie ihr französisches Vorbild George Sand, vertrat vehement die freie Liebe. Zweimal wurde sie in Berlin der Stadt verwiesen, zweimal ließ sie sich scheiden, weil sie zwangsverheiratet wurde, starb dann nach langen Jahren der Reise verarmt im Allgäu. Sie ist eine Entdeckerin und zeigt uns durch ihr Handeln wie abenteuerlich und atemberaubend das Leben sein kann.

Meetingpoint: Auf welche Highlights dürfen sich die Zuschauer besonders freuen?
Philippe Kratz, Choreograf: An allererster Stelle steht die Kompanie, eine Gruppe voller leidenschaftlicher und begeisterter Tänzer und Tänzerinnen. Ich bin mir sicher, dass diese jungen Talente das Publikum in ihren Bann ziehen werden, denn sie sind stark und haben Persönlichkeit. Der neue Ballettchef Jörg Mannes hat das Ensemble dieses Jahr zusammengestellt, gecoacht werden sie von Monica Caturegli und Olga Ilieva, und ich bin sehr dankbar für die Einladung. Es war ein echtes Vergnügen mit dieser Gruppe arbeiten zu können.

Meetingpoint: Denkst Du, dass es auf der Bühne öfter Geschichten mit „lokalen Helden“ der Vergangenheit geben sollte – also mit Heimatbezug?
Philippe Kratz, Choreograf: Das kommt darauf an, welche Werte diese Helden und Heldinnen vertreten und wie diese sich auf die heutige Zeit anwenden lassen. Worauf kommt es uns an, wenn wir Stücke kreieren? Auf die Message? Darauf, das Publikum zu bewegen? Generell kann man, glaub ich, sagen, dass die Bühne ein Spiegelbild von uns allen ist und in dem Moment, in dem wir eine Person auf der Bühne sehen, versuchen wir uns in sie hineinzuversetzen. Deswegen ist die Herkunft erst einmal egal, wir müssen uns mit Werten beschäftigen.

Meetingpoint: Wie gefällt es Dir, in Magdeburg zu arbeiten und magst Du die Stadt?
Philippe Kratz, Choreograf: Ich habe meine knapp zwei Monate hier sehr genossen, liebe die südliche Altstadt, die Elbe und bin fasziniert von der Kulturgeschichte Magdeburgs. Es ist eine Stadt mit vielen Facetten und einem reichhaltigen Angebot an Theater, Tanz, Kabarett, Musik und Schauspiel. Hoffentlich kann ich bald wieder mal vorbeikommen - das nächste Mal dann im Sommer!  

Bilder

Choreograf Philippe Kratz, Foto: Wilfried Hösl
Ausschnitt aus der Inszenierung, Foto: Bettina Vöß
Dieser Artikel wurde bereits 1.231 mal aufgerufen.

Werbung