Logo

„Bitte wählen Sie eine Partei, die Sie auch wieder abwählen können“ – Magdeburgs Kulturszene zeigt Flagge für Demokratie

Stadtgeschehen
  • Erstellt: 15.09.2025 / 16:03 Uhr von rt
Mit einem Satz brachte Kabarettist Tobias Hengstmann am Sonnabend die Sorgen vieler Kulturschaffender auf den Punkt: „Bitte wählen Sie eine Partei, die Sie auch wieder abwählen können.“ Unter dem Motto „Kultur & Klartext“ hatten sich über 25 Initiativen, Vereine und Kultureinrichtungen zu einer bunten Kundgebung auf dem Friedensplatz zusammengeschlossen, um ein deutliches Zeichen für eine offene, demokratische Zivilgesellschaft zu setzen – etwa ein Jahr bevor in Sachsen-Anhalt die Landtagswahlen anstehen.


Von syrischer Livemusik über eine Lesestunde vom Literaturhaus bis hin zu Bastelstationen für Kinder: Der Friedensplatz am Breiten Weg in der Magdeburger Altstadt verwandelte sich in einen kreativen Marktplatz. Kinder bemalten Schilder mit Botschaften für Toleranz, ließen sich Zuckerwatte schmecken oder schickten handgeschriebene Wünsche in einen Kunstautomaten, der dafür kleine Unikate ausspuckte.

„Wir wollten etwas schaffen, das für etwas steht – für Kunst, Freiheit und Vielfalt – und nicht nur gegen Rechtsextremismus“, erklärten die Organisatoren Nadine Staats und Florian Sosnowski. Beide engagieren sich in Magdeburgs freier Kulturszene und gehörten zu dem Bündnis, das die Kundgebung vorbereitet hatte.

Sorgen vor politischen Eingriffen

Hinter der fröhlichen Atmosphäre stand eine ernste Botschaft: Die Kulturszene fürchtet wachsenden politischen Druck von rechts. „Es passiert bereits, dass bestimmte Programme hinterfragt oder Gelder gekürzt werden, wenn Inhalte nicht ins Weltbild passen“, so Staats. Dies sorge bereits heute für zusätzlichen Verwaltungsaufwand. Auch Florian Sosnowski warnte: „Es geht nicht nur um unsere Arbeit, sondern um die Demokratie selbst. Wenn Parteien in Gremien sitzen, die Vielfalt und internationale Kunst in Frage stellen, ist das eine reale Gefahr.“

Janina Schurich-Wishet von der Freiwilligenagentur blickt mit Sorge auf die Landtagswahlen: „Wir finanzieren uns über Projektförderungen, darunter Integrationsprojekte. Unter einer AfD-geführten Landesregierung würden solche Projekte wohl als erstes eingestampft werden.“ Sarah Thäger warnte vor einem Klima, das rauer werde. Sie und Tobias Hengstmann lieferten neben David Begrich vom miteinander e.V., Philipp Schmidt vom Netzwerk Freie Kultur e.V. und anderen die Redebeiträge, um dem Anliegen auf dem Friedensplatz Gehör zu verschaffen.

Breite Allianz für ein weltoffenes Magdeburg

Vom Kabarett „…nach Hengstmanns“ über den Grünstreifen e.V. bis zur Freiwilligenagentur oder dem Musikkombinat: Die Liste der Mitwirkenden war lang. Aber auch in Einrichtungen, die sich aus Neutralitätsgründen zurückhalten müssen, gibt es Sorgen. „Viele können nicht laut werden, weil sie von öffentlicher Förderung abhängig sind“, erklärte Staats. „Umso wichtiger ist es, dass wir als freie Szene diesen Raum öffnen.“

Auch Besucher aus Politik und Wissenschaft kamen vorbei auf den Friedensplatz neben dem Schauspielhaus, um das Engagement zu begrüßen. Tobias Krull von der CDU-Landtagsfraktion lobte, dass „der Friedensplatz mit solchen Aktionen wieder positiv belebt wird“ und damit „das Herz Magdeburgs“ stärke. Manuela Schwarz, Rektorin der Hochschule Magdeburg-Stendal, sprach von einem „wichtigen Signal für Toleranz, Meinungsfreiheit und Demokratie“.

Für die Organisatoren ist „Kultur & Klartext“ erst der Anfang. Ab Frühjahr 2026 sollen weitere Formate folgen, vielleicht in neuer Form – als Spaziergang durch die Stadt oder offene Diskussionsrunden nach dem Vorbild des Londoner Speaker’s Corner. „Wir wollen nicht nur die Überzeugten erreichen, sondern ins Gespräch kommen mit Menschen, die noch unentschlossen sind“, betonte Sosnowski.

Bilder

Kabarettist Tobias Hengstmann war einer von mehreren Rednern auf der "Kultur & Klartext"-Kundgebung in Magdeburg.
Die Veranstaltung auf dem sonst selten belebten Friedensplatz lockte viele Familien an.
Hochschul-Rektorin Manuela Schwarz und CDU-Landtagsabgeordneter Tobias Krull waren als Gäste auf dem Friedensplatz.
Neben Redebeiträgen und einem DJ-Set gab es auch Live-Musik.
Alle Fotos: rt
Dieser Artikel wurde bereits 1.152 mal aufgerufen.

Werbung