Logo

Weihnachtsmarkt-Prozess: Zwischen bizarren Hunde-Geschichten, hohen Schulden und mörderischen Drohbriefen

Stadtgeschehen
  • Erstellt: 09.01.2026 / 09:03 Uhr von rt
Der Prozess um den grausamen Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt wurde gestern nach der Weihnachtspause fortgesetzt. Das Gericht befasste sich am 14. Verhandlungstag intensiv mit der Biografie und der Persönlichkeit des Angeklagten Taleb A., der nach seinem Hungerstreik zum Jahresende wieder im Gerichtssaal erschien.


Wer den Angeklagten in den letzten Terminen vor dem Jahreswechsel sah – gezeichnet vom Hungerstreik und körperlich ungepflegt –, rieb sich heute verwundert die Augen. Taleb A. war beim Friseur – er wirkte dünn, aber wieder bei Kräften. Ein Antrag seiner Verteidigung auf ein erneutes rechtsmedizinisches Gutachten wurde von der Kammer abgelehnt. Stattdessen stand sein eigener Werdegang im Fokus, doch der Weg dorthin war steinig.

Zu Beginn der Befragung flüchtete sich der ehemalige Arzt erneut in wirre Erzählungen. Er referierte über Katzen, die er besessen habe, und behauptete, der Sieg eines Hundes in einer TV-Show im Jahr 2009 habe ihn dazu bewegt, Veganer zu werden. Der Vorsitzende Richter Dirk Sternberg unterbrach diese Ausführungen trocken mit dem Hinweis, dass dies für die juristische Aufarbeitung der Tat keinerlei Relevanz besitze.

Der tiefe Fall eines Facharztes

Erst auf gezielte Nachfrage schälte sich ein Lebenslauf heraus, der trotz einiger Schicksalsschläge eigentlich nach einer Erfolgsgeschichte klang. Taleb A. wurde in Saudi-Arabien geboren und wuchs unter schwierigen familiären Umständen auf: Sein Vater starb, als er gerade einmal sieben Monate alt war. Seine Mutter zog ihn und seine vier Geschwister – einen Bruder, einen Halbbruder und zwei Schwestern – alleine groß. Nach zwölf Schuljahren und dem Abitur mit 18 Jahren folgte ein siebenjähriges Medizinstudium in Riad, das er erfolgreich als Arzt abschloss.

Ein einschneidendes Erlebnis markierte das Jahr 1994, als er einen schweren Autounfall überlebte, bei dem laut seinen Angaben alle anderen Beteiligten starben. Er selbst erlitt Becken- und Handfrakturen, verlor viel Blut und befand sich in einem Delirium. Nach einer kurzen, rein religiösen Ehe im Jahr 1995 führte ihn sein Weg schließlich 2006 nach Deutschland. Über Stationen in Hamburg, Boston, Bochum und Hannover gelangte er nach Stralsund, wo er 2014 seine Prüfung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ablegte. Ab 2020 war er schließlich im Maßregelvollzug in Bernburg tätig.

Doch hinter der glänzenden Fassade des Mediziners taten sich auch Abgründe auf. Der Angeklagte gab zu, auf einem Schuldenberg von insgesamt rund 80.000 Euro zu sitzen, wovon er allein seinem Bruder 50.000 Euro schuldet. Diese finanziellen Altlasten stammen offenbar bereits aus der Zeit seines Asylverfahrens im Jahr 2016. Besonders auffällig war sein aggressives Verhalten gegenüber dem psychiatrischen Sachverständigen Bernd Langer: Als dieser ihn zu seinen Finanzen befragte, beschimpfte Taleb A. ihn als „Stasi-Gutachter“ – eine Entgleisung, für die er eine scharfe Rüge des Gerichts erhielt.

Das Testament und die Vernichtungsfantasien

Besonders beklemmend wurde es im Gerichtssaal, als Dokumente verlesen wurden, die kurz vor und nach der Tat entstanden sind. So verfasste der Angeklagte am 20. Dezember 2024, unmittelbar vor dem Anschlag, ein Testament. Darin ordnete er eine Feuerbestattung in Deutschland sowie die Vernichtung all seiner persönlichen Gegenstände an und verfügte, sein Geld dem Deutschen Roten Kreuz zu hinterlassen. Trotz der zeitlichen Nähe behauptete Taleb A. heute, dass dieses Schriftstück nicht mit der Tatplanung in Verbindung gestanden habe.

Ebenfalls verlesen wurde ein mörderischer Drohbrief aus der JVA Dresden vom März 2025. Unter dem Titel „Bedrohung gegen Deutschland“ kündigte er darin an, das deutsche Volk auslöschen und zerbomben zu wollen, wobei er lediglich seine Anwälte und Bekannte ausnahm. Seine heutige Rechtfertigung für diese massiven Drohungen war die Behauptung, er sei damals krank gewesen und habe geglaubt, dass man das Leitungswasser in seiner Zelle vergiftet habe.

Ausblick auf die nächste Woche

Nach diesem tiefen Einblick in die Biografie des Angeklagten wird es in der kommenden Woche wieder emotional im Gerichtssaal. Am Dienstag, 13. Januar, ist ab 9:30 Uhr die Vernehmung von sechs weiteren unmittelbar betroffenen und verletzten Menschen des Anschlags geplant. Dann werden erneut Opfer zu Wort kommen, deren Leben durch die Tat des Mannes in der Glasbox für immer verändert wurde.

Bilder

Archivfoto: rt
Dieser Artikel wurde bereits 1.340 mal aufgerufen.

Werbung