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Interview mit Miroslav Nemec zu „Alexis Sorbas“

Interview
  • Erstellt: 28.09.2023 / 12:05 Uhr von rg/pm
Schauspieler, Sänger und Musiker Miroslav Nemec wuchs auf dem Balkan auf. Er ist neben seiner Bühnenarbeit bekannt aus Fernsehspielen und Serien, so als Staatsanwalt und Gegenspieler von Manfred Krug in „Liebling Kreuzberg“, so eine Theatersprecherin. Am Sonntag steht er beim Gastspiel "Alexis Sorbas" auf der Theaterbühne in Magdeburg.

Herr Nemec, Sie stehen sehr oft vor der Kamera, aber auch sehr oft auf der Bühne. Ohne welche der beiden Welten könnten Sie leben: TV und Film? Oder Theater?
Ich mag auf keine verzichten. Wenn man den Österreicher nach seinem Lieblingsgericht fragen würde, würde er sagen: Essen ist mei Leibspeis‘.(lacht). Ich mag die Vielfalt. Grundsätzlich.

Erreicht man mit Kino, TV und dem Theater einfach nur andere Zuschauerschichten - oder haben Sie, je nachdem, als Schauspieler auch unterschiedliche Intentionen?
Man erreicht durch Film und Fernsehen nicht nur andere Zuschauerschichten, man erreicht einfach mehr Menschen. Dafür sind die Reaktionen beim Theater für uns direkter, intensiver. Beides hat großen Reiz. Die Intentionen aber sind immer die gleichen: Ich spiele eine Figur, versuche einer Rolle eine Persönlichkeit zu geben, versuche Inhalte zu vermitteln. Das ist meine Intention bei jeder Arbeit, egal ob Fernsehen oder Theater.

Alle Welt kennt den Sorbas als Filmfigur, aber nicht den Roman. Wie war es bei Ihnen?
Den Film mit Anthony Quinn habe ich tatsächlich öfter begeistert gesehen. Den Roman hatte ich, als mir Martin Mühleis das Skript vorgelegt hat, noch nicht gelesen. Danach dann schon – und habe ich mich dann ganz auf unsere Fassung konzentriert, meinen ganz eigenen "Sorbas" und eine Haltung zu all den anderen Figuren entwickelt.

Wie gehen Sie vor beim Eintauchen in einen literarischen Text?
Ich verbrachte eine ruhige Zeit in Istrien, wo ich ja herkomme, und habe mich jeden Vormittag von acht bis zwölf Uhr hingesetzt, laut gelesen, Sprache und Haltung der einzelnen Figuren abgegrenzt und sie auf mich wirken lassen.

Spielten Ihre Erinnerung an den Balkan eine Rolle?
Ich fühle mich bei diesem Stück tatsächlich an meine Kindheit erinnert, auf der Insel Krk, im heutigen Kroatien. Da gibt es durchaus Parallelen - bis hin zu den Bilden mit den Dorfhonoratioren und den tiefverschleierten Witwen in den Dörfern.

Was bedeutet Ihnen die Figur Alexis Sorbas?
Hinter dem Alexis Sorbas steht ein Lebensprinzip. Es ist nicht nur eine Figur. Es ist ein ganzes Weltbild, das er vertritt. Eine Haltung, die mir an ihm gefällt. Der Genussmensch, der Schelm, der ernsthafte, durch Schicksale geprägte kluge, tolerante Mensch. Mit Sinn für Schönheit und Gerechtigkeit. Der in der Lage ist, den Augenblick zu leben. Ohne den Blick auf das Gestern und Morgen zu verlieren. Es bedeutet mir viel, diese Haltung weiterzutragen.

Was können wir lernen von diesem Kazantzakis-Text?
Vor dem Hintergrund der Dramen dieser Tage, muss man leider feststellen, dass die Menschheit nur langsam lernt. Wir können im Theater, in der Literatur, in der Kunst, nur immer und immer wieder Zusammenhänge aufzeigen, wie sie zu Konflikten führen - und hoffen, dass Manche daraus die richtigen Schlüsse ziehen.

Im letzten Dezember waren Herbert Knaup und Samuel Finzi mit Charles Dickens“ „Weihnachtsgeschichte“ im Theater Magdeburg. Walter Sittler kommt im Februar mit einem Kästner-Programm. Auch diese beiden Produktionen von Regisseur Martin Mühleis, der sich auch weiteren Klassikern von Camus und anderen widmet. Wie wichtig sind Klassiker?
Die Zeitlosigkeit der Themen, die Qualität der Sprache, der Sinn für Dramaturgie, die Kunst Geschichten zu erzählen. Literatur, die sich über Jahrhunderte gehalten hat und die von Generation zu Generation immer wieder junge Menschen erreicht und bewegt – da muss etwas dran sein. Da kann ich nur sagen: Es lohnt sich, sich damit zu beschäftigen.

Ihr "Sorbas" ist keine herkömmliche Lesung. Würden Sie erläutern, was ihn besonders macht?
Was wir mit dem Martin Mühleis machen ist eine ganz eigene Theaterform, eine Mischform aus Lesung, Schauspiel und Konzert, mit einer eigens dafür komponierten Musik, mit einem dafür entwickelten Lichtdesign. Mit Humor, Spannung und Tiefgang. Unser Plan ist es, gemeinsam eine Geschichte zu erzählen, die sich in den Köpfen des Publikums entfaltet. Das Stück findet in den Köpfen und in den Herzen der Zuschauer statt. Wenn es gelingt, sind das ganz wunderbare Abende für alle im Theater. (lacht) Meistens klappt es.

Was macht für Sie die Qualität des Textes aus?
Literarisch ist Kazantzakis sehr gut – er ist nicht nur intellektuell, sondern auch emotional. Er lässt schöne poetische Bilder entstehen. Manche Texte sind so, dass man sie stemmen muss - dieser trägt einen.

Ein Sorbas-Zitat: Jeder Mensch hat Marotten. Welche haben Sie?
Ich räume immer und gerne auf. Wenn ich in ein Hotelzimmer komme, räume ich es so um, wie ich es für mich optimal finde. Räume sind für mich sehr wichtig, wenn darin etwas so steht, dass es meiner inneren Ästhetik widerspricht, räume ich um. Aber mit dieser Marotte kann ich leben.

Gibt es Marotten der Zuschauer, die Sie nerven?
Was im Theater immer stört sind Smartphones, die Leute, die fotografieren anstatt zu schauen. Beim Sorbas aber ist das Publikum immer sehr konzentriert, sehr aufmerksam.

Für Sorbas haben Religion und bürgerliche Moral keine Bedeutung. Können Sie damit etwas anfangen?
Mir ist das nicht unsympathisch. Auch ich bin aus der Kirche ausgetreten. Ich komme aus dem alten Jugoslawien. Ich bin in einer Diktatur aufgewachsen und ich mag sie nicht. Unterdrückungsmechanismen wie in China, Russland, Amerika, Herrn Trumps Stil –, das alles mag ich nicht. Ich bin ein freier Mensch, da ist mir Sorbas durchaus nah. (lacht)

Bilder

Miroslav Nemec in "Alexis Sorbas", Foto: Bernadette Fink
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